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vgl. Eintrag " Schlafgeher"
* Laut "Statistischer Monatsschrift Austria" der Statistischen Zentralkommission von 1909
»waren in Wien im Jahre 1900 bei einer Gesamtbevölkerung von rund 1,600.000 100.000 Aftermieter und 66.000
Bettgeher*
»Im 14. Bezirk von Wien leben 11% der Bevölkerung als
Bettgeher; in Prag 14,6%.« in „Deutsche Arbeit, Monatsschrift für das geistige Leben der Deutschen in Böhmen“ Jg. 9, Prag 1910
* »Die Wohnungsnot in Wien am Beginn des 20. Jahrhunderts ist in ihrem drastischen Ausmaß heute kaum nachzuempfinden. Überteuerte winzige Mietwohnungen, die sich Mieter aus Kostengründen mit
Bettgehern teilen mussten, prägten das Leben der Unterschicht. Als
Bettgeher bezeichnete man Menschen, denen entgeltlich stunden- und schichtweise eine Schlafstelle in einer gemieteten Wohnung angeboten wurden. Dass mehrere Personen zugleich in einem Bett schliefen, war keine Seltenheit. 30 Betten, oder auch mehr, wurden in manche Mietwohnungen gezwängt.«
( www.mieterschutzwien.at)
* Aus der „Wiener Montags-Post“, einem „unabhängigen, freisinnigen Organ“, vom 13.11.191:.
»Im Hause 2. Bezirk, Handelskai 206, befindet sich im Hoftrakte eine Wohnung, bestehend aus Zimmer, Kabinett, Küche und Vorzimmer. In dieser Wohnung sind nebst Vermieter und seiner Familie noch 8-10
Bettgeher beiderlei Geschlechtes anwesend. Die Wohnung starrt vor Schmutz und ist erfüllt vom Gestank aus der Küche, sodass man sich nicht erklären kann, was da gekocht wird. Der Mietzins beträgt 48 Kronen pro Monat und 576 Kronen pro Jahr. «
* »Im 7. Bezirk, Neustiftgasse 12, wohnt ein Kassemitglied als
Bettgeher bei einem Ehepaar in einer aus Zimmer und Küche bestehenden und im ebenerdigen Hintertrakte gelegenen Wohnung. Die Küche, in welcher der
Bettgeher die Schlafstelle hat, besitzt nur eine Öffnung und ist mit Ziegeln gepflastert; in derselben führt eine Holzstiege zum Dachboden. Im zirka 3 Meter langen Zimmer, das nur zwei kleine Fenster hat, schlafen der Wohnungsinhaber mit Frau und vier
Bettgeher. Die Wohnung ist äußerst feucht, mit Modergeruch erfüllt; an der äußeren Querseite des Zimmers befinden sich drei Aborte. Die eklige Ausdünstung derselben dringt durch die Wand in die Wohnung, sodass der Aufenthalt in derselben unmöglich ist, ohne Schaden an der Gesundheit zu leiden. Der Mietzins beträgt 21 Kronen monatlich, 252 Kronen jährlich. «
http://tinyurl.com/k9uvjml* Das wahrscheinlich bekannteste lit. Erzeugnis, in dem
Bettgeher eine nicht unwesentliche Rollen spielen, ist die dem „Bambi"-Autor Felix Salten zugeschriebene (oder angedichtete) „Josefine Mutzenbacher" von 1906:
»Mein Vater, meine Mutter, wir drei Kinder wohnten in einer Küche und einem Zimmer und hatten noch einen
Bettgeher mit dazu. Solche
Bettgeher waren der Reihe nach wohl ein halbes hundert bei uns; sie kamen und gingen bald friedlich, bald im Streit…«
* Im Drama „In Ewigkeit Amen“ von Anton Wildgans (1913) sagt der
Untersuchungssichter zum Beschuldigten Gschmeidler:
»Sie sind vorbestraft und zwar wegen Mordes, begangen an dem Schlossermeister Gustav Wuck. – Nachdem Ihnen anlässlich der Amnestie der Rest Ihrer lebenslänglichen Kerkerstrafe nachgesehen wurde, haben Sie zuletzt bei dem Zahlkellner Leopold Kritzenberger und dessen Konkubine als
Bettgeher gewohnt. Wie haben Sie diese Leute kennengelernt? «
* Hugo Bettauer, „Der Kampf um Wien“ (1923): »Und nun waren die beiden, die immer zusammengehalten hatten, immer aufeinander angewiesen waren,
Bettgeher, das heißt, jedes von ihnen bewohnte mit anderen zusammen eine Kammer. Und träumten davon, einmal doch irgendwie eine eigene Wohnung zu bekommen, dem Fron zu entrinnen, ein Geschäftchen zu gründen, zu lernen und sich zu bilden.«
Koschutnig 15.09.2013