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Wirbel und Wirtschaft

Brezi 09.06.2008
Um es vorwegzunehmen. Natürlich sind beide Wörter Bestandteil der gemeindeutschen Hochsprache. M. E. gibt es zu beiden Wörtern aber eine Bedeutung, die man so nur bei uns kennt. Kann mir das jemand bestätigen oder es widerlegen?

Wirbel: Abgesehen von den Bedeutungen "Wasserstrudel" und "Vertebrum" heißt "Wirbel" im gesamtdeutschen Raum natürlich "Aufruhr, Unruhe". In Österreich bedeutet es aber auch "akustischer Lärm, Krach". Nur bei uns? Oder doch nicht? Wer kann mir weiterhelfen?

Wirtschaft: wo überall ist das Wort "Wirtschaft" in der Bedeutung "Unordnung, Schweinerei" in Verwendung?

Ich frage lieber das Plenum, bevor ich vielleicht etwas eintrage, was gar nicht hier herein gehört.

Vielen Dank im Voraus

Vielleicht noch zu jedem Wort ein Beispiel:

ad 1) Bei dem Wirbel kann man ja nicht schlafen.
ad 2): Die Handwerker haben eine Wirtschaft gemacht!

Brezi

Wirbel und Wirtschaft - Unruhe und Unordnung

System 27.07.2008
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Wirbel: Abgesehen von den Bedeutungen "Wasserstrudel" und "Vertebrum" heißt "Wirbel" im gesamtdeutschen Raum natürlich "Aufruhr, Unruhe". In Österreich bedeutet es aber auch "akustischer Lärm, Krach". Nur bei uns?

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Wo ist 'nur bei uns'? Ort? Land?


WIRBEL

Standarddeutsche Synonyme von 'Wirbel':

der Rummel (ch, de) = der Jahrmarkt und im übertr. Sinn für 'Trubel' und 'Wirbel'
der Strudel (ch) = der Wirbel im Wasser, auch Süssspeise
der Strudel (at) = der Schwingbesen (ch), der Schneebesen (de), auch Mehlspeise
der Trubel (at, ch, de)
der Wirbel (at, ch, de) = drehende Bewegung des Wassers; im übertr. Sinn für 'Unruhe', 'Aufruhr'

Etymologisch interessant ist die gemeinsame Endung auf '-el' (kein Diminutiv) ...

Mittelhochdeutsch:
der wirbel, der werbel = drehende Bewegung bzw. drehbarer Griff bzw. Kurbel


WIRTSCHAFT

Standarddeutsch:
die Wirtschaft (ch) = das Gasthaus
die Wirtschaft ((at, ch, de) = die Ökonomie

Mittelhochdeutsch:
die wirtschaft = die Tätigkeit des Hausherrn
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/lexer/wbgui?lemmode=lemmasearch&mode=linking&textsize=285&onlist=&word=Wirtschaft&lemid=LW03814&query_start=1&totalhits=0&textword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=

Synonyme für 'Unordnung' in Dialekten:

die Sauwirtschaft (at, de) = die Unordnung, die Misswirtschaft, der Saustall

der Ballawatsch, das Drahdiwaberl, das Gewirgs, das Gewirks, das Gewirkst, der Hudriwudri, der Pallawatsch, die Ramassuri, die Ramasuri, die Remassuri, die Remasuri, das Tritschtratsch (alle at) = das Durcheinander
http://oewb.retti.info/oewb-public/show.cgi?lexnr=dQtWy9L3qPv5zj9VDhhfZIv37y06nQuUNlcUmN3YcAVo3wCi9kqGNA==&pgm_stat=show

die Wirtschaft (de) = die Sauwirtschaft
die Wirtschaft (Pfälzisch, de) = das Gasthaus; auch: vernachlässigter Hof, Sauwirtschaft
das Wertschäftel (Pfälzisch, de) = das Gasthaus

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Re: Wirbel und Wirtschaft

Halawachl 28.07.2008
Hallo Brezi,

ich finde, Du solltest beides eintragen.
Kenne genau wie Du "einen Wirbel machen" (syn: "einen Krawall machen"), womit eine Lärmbelästigung gemeint ist.
Und genauso auch "eine Wirtschaft machen" (Beispiel: Jessas, im Kinderzimmer schaut's scho wieder aus. Die Kinder haben da wieder einmal eine Wirtschaft g'macht).

Zusatzuskunft für Kriminologen:
Land - Österreich
Ort - Wien.

Gruss,
Hlw

Re: Wirbel und Wirtschaft

Brezi 03.08.2008
Ich danke für beide - sehr unterschiedlichen - Antworten auf meine Frage.

Meine sprachliche Herkunftsregion (und nur auf die kommt es hier an) ist leicht zu ersehen, wenn man einen Kommentar oder einen Worteintrag von mir anklickt.

Dass ich mit 'bei uns' auf einer Österreichisch-Seite Österreich (oder Teile von Österreich, egal welche) meine, hätte ich als gemeinsame Prämisse aller hier Beteiligten vorausgesetzt und zwar ungeachtet dessen, ob sich der Schreiber in Kinshasa und der Leser in St.Louis befindet oder beide in Haus im Ennstal wohnen).
Ich würde auch 'bei uns' sagen, wenn ich ein Exilösterreicher in Übersee wäre, ebenso wie es für mich selbstverständlich ist, dass ich Finnen meine, wenn ich schreibe: "In diesem Lokal in Helsinki waren außer mir nur Inländer". Würde ich mich hingegen (das ist jetzt fiktiv!!!) als Nichtösterreicher hier in ostarrichi zu Wort melden, hieße eine entsprechende Frage: "Sagt man so nur bei EUCH? (Oder etwa auch in Köln oder St. Gallen? Ich weiß das nicht, weil ich (z. B.!!!) aus Thüringen bin). Wie gesagt, das war jetzt fiktiv

Es ist zwar im streng logischen Sinn nicht schlüssig, aber wenn ich frage: "Sagt man 'Wirtschaft' nur bei uns als Synonym für Unordnung", so kann man meiner Meinung nach mit einer Portion Hausverstand erraten, dass damit gemeint war: "Sagt man das nur in Österreich (oder gar nur in Teilen davon) so, oder ist das gemeindeutsch?" Da meine Frage (wie von Halawachl auch ohne weitere Hinweise mühelos erkannt) darauf abzielte, ob ich die Wörter Wirtschaft und Wirbel guten Gewissens hier eintragen kann, habe ich mich zusätzlicher Präzisierungen enthalten. Wenn ich im Kaffeehaus ein weiches Ei bestelle fragt mich der Ober auch nicht: "Ein Hühnerei? Und wie definieren Sie überhaupt 'weich'". Tut er es doch, wechsle ich das Kaffeehaus, noch bevor er meine Bestellung notiert.

Literaturempfehlung für alle, die mit meinen unscharfen Formulierungen Probleme haben: LORIOT (insbesondere die späteren Werke). Es finden sich darin ausreichend Belege, dass man nicht nur "bei uns" über allzu genaues Herumreiten auf Aussagen lachen kann[2]. Oder aber "insbesondere für Schweizer: der Abschnitt 'Der Schlesinger-Tunnel' aus Ephraim Kishons Schweizer Episode in "Der seekranke Walfisch".

Vielen Dank für die mir als Hobbyetymologen sehr imponierenden diachronen Betrachtungen zu den Wörtern Wirbel, Strudel usw. Als Laie hätte ich eher geglaubt, dass es viele Wörter auf -el gibt, die zumindest nicht erkennbar ein Diminutiv sind: z. B. Gabel, Beutel, Segel oder Löffel (gemeinsames Erbwort mit lat. 'ligula' und m. W. kein Lehnwort! [1]), das ebenfalls nur wie ein Diminutiv aussieht, aber 'liga' für großen Löffel gibt es nicht. An als solche erkennbaren Diminutiven auf -el fallen mir spontan nur ein: Säckel, Täschel, Seitel (schon von einem Dim., nämlich 'situla' abgeleitet), Bürzel, Bündel, Mädel, Bübel (obs.), ... na es sind ja doch noch einige geworden, allerdings sind die alle (bis auf Säckel) sächlich, während Wirbel usw. Maskulina sind.

Kannst du mir darüber mehr schreiben? Ich habe hier offenbar eine große Bildungslücke und nachdem das mein Hobby ist ...

Da hätte ich gleich noch eine anschließende Frage: wie kam das Veilchen eigentlich zu der Verkleinerungsendung? Gab es früher (analog zur nicht verkeinerten viola) eine Veile? Interessant ist, dass im Tschechischen das genau gleiche Phänomen auftritt. Auch hier gibt es nur mehr den (unechten) Diminutiv: fialka. Ein Wort fiala existiert nur mehr als Familienname und im abgeleiteten Adjektiv fialový = violett. Ähnlich dürfte es dem Wort Mädchen (mhd. was ich noch so aus der Schule weiß magedin). Auch hier bitte um Nachhilfe, wenn du mehr weißt. Danke!

Ich danke nochmals euch beiden, werde die Wörter, um die es ging, eintragen und hoffe, dass Äußerungen wie die hier kritisierte nur mehr dann unters Mikroskop gelegt werden, wenn sie anders nicht auf plausible Art zu "dekodieren" sind.

Uffz!

Brezi

[1] Auch im Slawischen derselbe Stamm: russisch: ložka (auch nur formal ein Diminutiv), tschechisch lže, hier daneben der echte Dim. lžička (das l ist hier beide Male nicht silbisch, daher auch nicht betont; für Nichttschechen schwer auszusprechen).

[2] Im Übrigen habe ich auch im nichtdeutschsprachigen Ausland die wohltuende Erfahrung gemacht, dass man dort eher mit den präzisen Deutschen und Schweizern manchmal seine Kommunikationsprobleme hat als mit uns ach so Schlampigen. So hat mir eine Engländerin folgende Geschichte erzählt. Als sie eine Zeitlang in Deutschland arbeitete, passierte es, dass ihr deutscher Kollege sein Auto unmittelbar vor ihrem einparken wollte. Da ihr Vehikel eine ziemliche Rostschüssel war, meinte sie humorvoll: "Oh, don't do that, or you'll catch rust!". Was folgte, war eine drei Seiten lange Erklärung des Deutschen, dass Rost nicht ansteckend sei. Und da sollen wir Ösianer uns genieren?




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Das österreichische Wörterbuch stellt eine Sammlung von österreichischen Wörtern dar um die Unterschiede des österreichischen Deutsch am Leben zu halten.

Derzeit sind über 1300 Wörter ins Wörterbuch aufgenommen wobei es weit mehr eingetragene Wörter gibt.

Die Ursprünge des Wörterbuches entstanden vor etwa 15 Jahren als ich von Österreich nach Deutschland gezogen bin und mehr mit hochdeutsch sprechenden Menschen zu tun hatte.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich gebräuchlichen bairischen und alemannischen Dialekte.

Das vom österreichischen Unterrichtsministerium mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche österreichische Wörterbuch dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951.

Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein wichtiger Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe anzuwenden.

Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch zahlreiche regionale Dialektformen, hier insbesondere bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark genutzt, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.