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Viech

doc 01.02.2007
Hi,

mir sind bei dem Wort "Viech" zwei Sachen aufgefallen

Erstens ist die Bedeutung ein bisschen anders als beim Hochdeutschen.
Vieh: sind mehr oder weniger Nutztiere
Viech: Tiere allgemein und alles was herumkrabbelt

Zweitens:
Warum wird ein 'ch' angehängt, ist das leichter zum Aussprechen
oder eher eine Hilfe, um das Wort besser zu verstehen?

Cheers,

Re: Viech

JoDo 01.02.2007
Nachtrag:
Erstens ist die Bedeutung ein bisschen anders als beim Hochdeutschen.
Vieh: sind mehr oder weniger Nutztiere
Viech: Tiere allgemein und alles was herumkrabbelt
Volle Zustimmung! Gut, dass Du das aufzeigst!

...Warum wird ein 'ch' angehängt, ist das leichter zum Aussprechen, oder eher eine Hilfe, um das Wort besser zu verstehen?
Auf die Schnelle:
Weder, noch.
Das ist ein Relikt der letzten Lautverschiebung, das z.B. noch in Tirol als stimmhaftes "k" - Speckchknedln - in Verwendung ist.
Wenn ich Zeit habe, werde ich das ganze sauber recherchieren!
mfG
JoDo

Lautverschiebung

JoDo 01.02.2007
Als Deutsche Lautverschiebung oder Zweite Lautverschiebung (auch: hochdeutsche Lautverschiebung) wird ein regelhafter Lautwandel im Bereich des Konsonantismus verstanden, der die hochdeutschen Dialekte von allen anderen germanischen Sprachen unterscheidet.

Der Beginn dieser Veränderung wurde traditionell auf ab ca. 500 n. Chr. datiert, nach neueren Inschriftenfunden begann sie jedoch erst ab ca. 600 n. Chr. Bei der zweiten Lautverschiebung handelt es sich um einen längerfristigen und mehrphasigen Prozess, der zu Beginn der Überlieferung des Althochdeutschen im 8. Jahrhundert n.Chr. noch nicht ganz abgeschlossen war.

Durch diese Lautverschiebung wurde aus den südlichen westgermanischen Dialekten die althochdeutsche Sprache. Die Grenze dieser Lautverschiebung verläuft von West nach Ost, mehr oder weniger am Mittelgebirgsrand; sie wird als Benrather Linie bezeichnet.

Konsonanten:

/p/ > /pf/ (plattdeutsch Peper, englisch pepper -> Pfeffer)
/p/ > /f/ (plattdeutsch slapen, englisch sleep -> schlafen, plattdeutsch und englisch Schipp, ship -> Schiff)
/t/ > /s/ (plattdeutsch dat, wat, eten englisch that, what, eat -> das, was, essen)
/t/ > /ts/ (plattdeutsch Tied, schwedisch tid -> Zeit, Timmermann -> Zimmermann)
/tt/ > /ts/ (plattdeutsch sitten, englisch sit -> sitzen)
/k/ > /x/ (plattdeutsch und niederländisch ik -> ich, koken -> kochen; plattdeutsch und englisch maken, make -> machen)
/k/ > /kx/ (deutsch Kind -> tirolerisch Kchind)
/k/ > /kx/ (deutsch Socke -> tirolerisch/alemannisch Sokche)
/d/ > /t/ (plattdeutsch Dag, englisch day -> Tag)
http://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Lautverschiebung

Vieh bedeutet ganz allgemein Tier, im engeren und häufigeren Sinn ist damit das domestizierte landwirtschaftlich genutzte Nutztier gemeint. Im Sprachgebrauch ist auch das von der Pluralform Viecher abgeleitetete Viech anzutreffen. Die Verwendung von Vieh als Bezeichnung für Nutztiere allgemein wurde von dem Naturphilosophen Lorenz Oken (1779-1851) eingeführt, veröffentlicht in seiner Naturphilosophie (1808) und der dreibändigen Narturgeschichte (1813-1816).

Der Oberbegriff Vieh wird häufig entsprechend der vorrangigen Nutzung weiter unterteilt in Fleischvieh (Rinder für die Fleischerzeugung, teilweise noch detaillierter wie Fleckvieh), Milchvieh, Zugvieh (zum Beispiel Pferde), Höhenvieh (Sammelbezeichnung für alpine Gebirgsrassen des Hausrinds) und Schlachtvieh.

Zwar wird auch häufig der Begriff Federvieh für Geflügel verwendet, jedoch werden landwirtschaftlich genutzte Vögel im allgemeinen nicht als Vieh bezeichnet.

Großvieheinheit, Viehzucht, Viehhaltung
Viehmast, Viehtransport, Viehhandel
Urvieh, Arbeitsvieh, Königsvieh
Großvieh, Kleinvieh
(VIEH)Vielfältige Initiativen zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen
http://de.wikipedia.org/wiki/Viech

doc 02.02.2007
Danke für die ausührliche Abhandlung!

sum

wuppl 03.02.2007
ich bin fasziniert, wieder mal eine menge gelernt

kanns mir aber net verkneifen, das rindvieh nicht ausschließlich dem nutzvieh zuzuordnen *zwinker*

stanton 05.02.2007
Um die Liste der Bedeutungen zu vervollkommnen:

Vieh (Sg.) = (Nutz-)Tiere (Pl.!)
Vieh (Sg.) = Tier (Sg.), abwertend, v.a. Norddt.

Viech (Sg.) = Tier (Sg.), im Gegensatz zum Norddt. wertungsneutral
Viech (Sg.) = (v.a. Nutz-)Tiere (Pl.)
Auch verniedlichend als Diminuativ "Viecherl"

doc 06.02.2007
Um die Liste der Bedeutungen zu vervollkommnen:

Vieh (Sg.) = (Nutz-)Tiere (Pl.!)
Vieh (Sg.) = Tier (Sg.), abwertend, v.a. Norddt.

Viech (Sg.) = Tier (Sg.), im Gegensatz zum Norddt. wertungsneutral
Viech (Sg.) = (v.a. Nutz-)Tiere (Pl.)
Auch verniedlichend als Diminuativ "Viecherl"


Ah Diminuativ, noch nie gehört, was isn des fir a Viech?

Das Diminutiv,

JoDo 06.02.2007
(auch Deminutiv, Diminutivum – von lat.: deminuere: „verringern, vermindern“) ist, im Gegensatz zum Augmentativ, die Verkleinerungsform eines Substantivs und dient heute meistens dessen Verniedlichung, aber auch als Koseform, zur Bildung von Kosenamen oder zur Kontrastbildung
...
* Bairisch in Altbayern und Österreich o -l, -rl, -erl, -ei, zum Beispiel "Dirndl", "Dirndei", "Bürscherl"
...
http://de.wikipedia.org/wiki/Diminutiv
Sehr aufschlußreicher Artikel!

Viecherl, ei freilich!

Da fällt mir die Szene mit Hans Moser ein, wo er sagt:
"So ein Viecherl ist ja auch nur ein Mensch!"
Gemeint war eine Maus.

HeleneT 06.02.2007
Du heiliger Trogsnochi!
Hast du das alles handgetippt oder wo rauskopiert?

JoDo 07.02.2007
Du heiliger Trogsnochi!
Hast du das alles handgetippt oder wo rauskopiert?

Na kopiert natürlich, soll ich´s wieder löschen, wenn´s zu viel ist?
vlG
JoDo

Das wirft alle meine Theorien über den Haufen!

Brezi 04.05.2007
Ich dachte nämlich immer, das Viech (altengl. feoh) wäre schon ein Produkt der ersten, der "Großen" Germanischen Lautverschiebung geworden, wo k zu h und p zu f wurde

lat. cornu -> germ. horn
lat. caput -> engl. head, dt. Haupt ('Kopf' kommt nicht von 'caput' sondern hat mit 'cup' zu tun, ist also eigentlich eine "Hirntasse" ).
altgr. kardion -> heart -> Herz
daher auch lat. pecus zu aengl. 'feoh'.

Mich wundert daher eher, warum im Niederdeutschen (und daher auch im Niederländischen) und in den skandinavischen Sprachen das h am Ende verschwunden ist und im Oberdeutschen auf einmal wieder da war. Die oben stehende Tabelle, die perfekt ist und schon wegen des Arbeitsaufwandes Bewunderung verdient, erklärt das für mich nicht schlüssig. Hier (und auch bei der analogen Wandlung 'sieht' > 'siacht') muss noch etwas anderes im Spiel sein, denn was südlich der Benrath-Linie ein [x] ist, sollte nördlich davon eher ein k sein (machen - maken).

Bitte, JoDo, sag mir, dass ich nicht ganz daneben liege.

In Erwartung eines klärenden oder gar erlösenden Bescheides

breznsoiza

P.s.: Wie gut die Tabelle ist, sieht man übrigens auch daran, dass sie souverän und so ganz nebenbei auch an meinen Beispielen einiges erklärt, z. B. wieso heart zu Herz wurde und head zu Haupt. Nujr mein Problem löst sie leider nicht. Das ist aber mein Problem und nicht das der Tabelle Die ist Spitze.

Re: Das wirft alle meine Theorien über den Haufen!

JoDo 04.05.2007
Ich dachte nämlich immer, das Viech (altengl. feoh) wäre schon ein Produkt der ersten, der "Großen" Germanischen Lautverschiebung geworden, wo k zu h und p zu f wurde.
Sieht ganz so aus als ob Du recht hättest!

Hand aufs Herz - so genau kenne ich mich auch nicht aus und nun, nachdem ich die diesbezüglichen Artikeln gelesen habe, getraue ich mir gar nimmer Worte der Lautverschiebung 1 oder 2 zuzuordnen.

P.S.: Dein Arbeitstempo in ostarrichi haut alles bisher dagewesene über den Haufen!
Sieh es mir bitte nach, wenn ich nicht gleich antworte.

Re: Das wirft alle meine Theorien über den Haufen!

Brezi 05.05.2007
P.S.: Dein Arbeitstempo in ostarrichi haut alles bisher dagewesene über den Haufen!
Sieh es mir bitte nach, wenn ich nicht gleich antworte


Also darauf muss ich antworten, noch bevor ich zum Thema komme! Wenn deine Antwort 'nicht gleich' war, sag was ist denn dann bei dir 'gleich'? Ich warte in der Arbeit oft länger auf dienstliche Antworten.

Keine Sorge, immer geht es bei mir aber auch nicht so schnell. Nur gerade dieses Thema brannte mir schon einige Zeit unter den Nägeln, seit ich den Forumsbeitrag gelesen hatte. Und ich hatte ausnahmsweise einmal den Vorteil, hier nicht mehr all zu viel vorher nachschlagen zu müssen. Das war zufällig etwas, was ich ganz gut im Kopf hatte und daher nur mehr kurz zum Überprüfen nachgelesen habe, bis auf das 'feoh' (denn von Altenglisch habe ich nicht den leisesten Tau) und das niederländische 'vee', das ich auch nicht gewusst hätte.

Solange du von einem "Arbeits"-tempo sprichst, mein Werkln hier also als Arbeit einstufst, nehme ich an, dass die Qualität meiner Ergüsse auch so halbwegs stimmt. Ich habe nämlich nicht in erster Linie den Ehrgeiz, in die Top-Of-Charts dieses Forums zu schnalzen, weder bei Forums-, noch bei Wörterbuchbeiträgen. Mir ist wichtig, dass das hier etwas wird, wo Suchende fündig und danach auch korrekt informiert werden. Natürlich freut sich jeder, wenn er sich profilieren auch kann, aber deswegen fahrlässig mit dem Wert dieser Seite umgehen, das läge mir fern. Bitte sag es mir immer gleich, wenn du einmal solchiges Verhalten bei mir ortest. Versprochen?

Jetzt zum Thema: es freut mich, dass du meine Ausführungen stimmig und fundiert findest. Ich habe mein Bestes gegeben, aber das muss ja nichts heißen. Wenn das hier Geschriebene dann vielleicht auch noch dem ursprünglichen Fragesteller weiter hilft, na dann würde ich sagen: mission completed.

Und um auf einen früheren Kommentar von dir noch etwas zu antworten: du bist mit dem Loben so schnell, dass ich mit dem Rotwerden gar nicht nachkomme!

Und eine so schöne, übersichtliche Tabelle über die "Zweite, die Hochdeutsche" habe ich noch nie gesehen. Handlich. Praktisch. Werde künftig immer hierher schauen, wenn ich dazu was brauche.




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Das österreichische Wörterbuch stellt eine Sammlung von österreichischen Wörtern dar um die Unterschiede des österreichischen Deutsch am Leben zu halten.

Derzeit sind über 1300 Wörter ins Wörterbuch aufgenommen wobei es weit mehr eingetragene Wörter gibt.

Die Ursprünge des Wörterbuches entstanden vor etwa 15 Jahren als ich von Österreich nach Deutschland gezogen bin und mehr mit hochdeutsch sprechenden Menschen zu tun hatte.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich gebräuchlichen bairischen und alemannischen Dialekte.

Das vom österreichischen Unterrichtsministerium mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche österreichische Wörterbuch dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951.

Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein wichtiger Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe anzuwenden.

Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch zahlreiche regionale Dialektformen, hier insbesondere bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark genutzt, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.