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Vergesst München!

Josef 11.01.2008
Vergesst München!

Es ist nur ein Vorschlag, aber der ist durchaus ernst gemeint. Angeregt durch eine kürzliche Anmerkung von Russi, er habe dies oder jenes in München so oder so gehört (es ging um den Kaffee/Kaffee), möchte ich eine Bitte aussprechen!

Vergesst München, wenn es darum geht, aus irgendeinem Grund sprachlich Altbayern mit Österreich zu vergleichen! Im Großraum München wird immer weniger Bairisch geredet. Viele Sprachbegeisterte in Altbayern haben München schon fast zum verlorenen Territorium erklärt. Woran diese Entwicklung liegt, kann man sich an den fünf Fingern abzählen – ich will darauf hier nicht eingehen.

Natürlich gibt es in München immer noch eine sehr große Zahl von hervorragenden Dialektsprechern und Sprechern der bairischen Hochsprache. Das ist unbestritten. Doch die Chance, als Besucher der Stadt denen zu begegnen, wird immer geringer! Sie werden immer weniger und sie werden immer älter!

Also: München ist NICHT gleich Oberbayern – so schön die Stadt auch sein mag!

Josef

Re: Vergesst München!

Brezi 11.01.2008
Schön. Schon. Wenn man zum Beispiel schaut, wie viele (oberflächlichen Touristen gänzlich unbekannte) Kirchen es da pro Quadratkilometer Innenstadt gibt, dann fragt man sich ernstlich, wieso die St.-Pauls-Kathedrale in London gleich um Zehnerpotenzen bekannter ist. Barock ist nicht immer meine Sache, aber die Theatinerkirche zum Beispiel ... aber ohne Reiseführer wäre ich an ihr vorbeigehatscht. Die Frauenkirche, in ihrer Klinkerbauweise sicher fast ein Unikat in der süddeutschen Gotik! Und dann noch mit Zwiebelkuppeln, die (fragt mich nicht warum), total passen. Nymphenburg. Das architektonisch gelungene Olympiastadion. Das ebenso gelungene BMW-Gebäude. Die Residenz, das Maximilianeum, alles schön, keine Frage. Aber wenn der alte Thoma geahnt hätte, was aus dieser Stadt für ein von Einheits-Fernsehdeutsch sprechenden Schicki-Mickis dominiertes Pflaster geworden ist, ob er dann auch noch ausgerechnet das neugotische Rathaus am Marienplatz kritisiert hätte? Ich muss allerdings sagen, dass ich den Thoma auch nicht mag, der eigentlich alles hasste, was einer rural-konservativen Einstellung zuwiderlief. Warum dieser Mensch von vielen heute noch als Zeit- und Gesellschaftskritiker vergöttert wird, ist mir schleierhaft. Der war buchstäblich gegen alles, sogar gegen das Schifahren, gegen Fremdenverkehr, gegen vieles, ohne das Bayern heute noch immer ein ärmliches Agrarland wäre. Aber um zu München zurückzukehren. Angesichts der beängstigend rasanten Entwicklung, die es durchmacht - kann man so was noch vergessen? Muss man nicht als Wiener jeden Tag beim Aufwachen zittern, dass man nicht vielleicht schon der Letzte ist, der den hiesigen Dialekt und das Hochdeutsche ordentlich beherrscht? Die Zahl derer unter 20, die ein Idiom benutzen, das etwa dem arithmetischen Mittel aus beidem entspricht und das als "schön Sprechen" bezeichnen, unfähig dieses zu verlassen, wächst exponentiell (zumindest jetzt noch; jeder mit Mathematikgefühl weiß natürlich, dass so eine Kurve schließlich wieder verflacht, wenn sie sich der Angst machenden 100-%-Grenze nähert!). Wie kann man da nicht jeden Tag im Geiste auf München schauen? Die Worte "niemals vergessen" bekommen da einen dräuend-gespenstischen Klang. Man kann nur neidvoll auf die Schweiz blicken, wo Dialekt nie eine Frage der sozialen Herkunft war und daher auch munter lebt und im Gegenteil das Hochdeutsche in genau abgegrenzte Gebiete - eine Art Reservate - verweist. Wenn es so weiter geht, wandere ich in ein anderes Bundesland aus und gebe mir täglich, wie dort die Jugendlichen herzig und unverkrampft einen ganz und gar nicht ordinär klingenden, dafür aber umso unverwässerteren Dialekt reden.

Mit leidensgenössischem Gruß

Brezi

Re: Vergesst München!

Josef 11.01.2008
Danke, Brezi, für diese wirklich von Herzen kommende ... - ... wie heißt eigentlich das Gegenteil von Laudatio? Du hast mir jedenfalls aus dem Herzen gesprochen!

Noch hat die Stadt da und dort eine eigenständige, unverwechselbare Schönheit. Noch! Es wird aber immer schwerer, diese Schönheit zu finden.

Josef

Laudatio - ?

Brezi 11.01.2008
Gegenteil von Laudatio, hm! Vielleicht condemnatio?

Und vor dem, was jetzt folgt, wäre vielleicht einmal eine deutliche Klarstellung angebracht, um Missverständnissen gleich von Anfang an vorzubeugen:

Ich habe absolut nichts gegen Nord- und Mitteldeutschland! Ich bereise diese Gegenden immer wieder gerne - und zwar als Tourist, nicht etwa geschäftlich - weil es dort so unendlich viel Schönes zu sehen gibt und ich jedesmal sehr warmherzig dort aufgenommen werde. Auch bin ich mir (wie einmal schon geschrieben) beispielsweise in Berlin um Klassen freundlicher behandelt vorgekommen wie in der bayerischen Landeshauptstadt. Und ich mag die Dialekte des Nordens (besser gesagt, würde sie mögen, wenn sie dort nicht schon viel früher als bei uns de facto gestorben wären). Worum es mir einzig geht, ist, dass ich es traurig finde, wie nun auch bei uns im Süden (vorläufig nur in den städtischen Regionen) das große Dialektsterben einsetzt und wie (nicht nur bei uns!!!) dank des überregionalen Fernsehens auch im Hochdeutschen die kleinen regionalen Spezifika, die das gewisse Etwas ausmachten, verloren gehen und einem eigentlich nirgendwo beheimateten Einheitsbrei weichen. Auf der Bühne: okay (Das Bühnendeutsch ist im Gegensatz zum GZSZ-Deutsch [1] auch wunderschön und war - von Boy Gobert gesprochen - ebenso ein Erlebnis wie wenn es von Paula Wessely intoniert wurde). Aber im Alltagsleben (bis hinein in den Rundfunk) würde ich noch immer gerne eine Hamburgerin an der Sprache von einer Frankfurterin unterscheiden können, aber von Generation zu Generation wird das immer schwieriger, während sich bei uns der Wiener Akzent in dem Kindergarten-Hochdeutsch, dass die Buama und Ma'ln von heute zwischen Korneuburg, Kittsee und Mattersburg sprechen, etwas zu übertrieben festsetzt. Also nochmals: nix gegen Deutschland (bis auf den untrinkbaren "Kaffe" vielleicht, aber den kann man schließlich auch in Schweden, dem Land mit dem höchsten Kaffeeverbrauch in Europa, ebenso wie in England schlichtweg nicht saufen, während ich ihn in Holland, Italien und anderswo im Ausland ebenso himmlisch finde wie bei uns)! Ich bin nur gegen die Planierung unserer vielfältigen Muttersprache. Hoffentlich sind jetzt alle Missverständnisse beseitigt, noch bevor sie entstanden

Nun zum Text:

Lieber Josef, dein Lob für mein Kontribut, immerhin von einem Insider kommend, hat mir gut getan. Und mit dem Auswandern-Wollen ginge es mir wahrscheinlich in Oberbayern genauso. Man muss den Dunstkreis zwischen Freising und Wolfrathausen einfach verlassen und Orten wie Piding oder sogar Schliersee entgegenfliehen und dabei halt Ausnahmen wie Tegernsee in Kauf nehmen, Orte also, wo man oberbayerisch Redende inzwischen schon in Spiritus konserviert, um sie der Nachwelt zu erhalten, dann ist der drückende Albtraum rasch verflogen. Solche Negativ-Inseln gibt es ja auch sogar im Gelobten Land Tirol und man betritt sie unversehens und ohne jede Vorwarnung. Ich war in einem solcher Orte und wähnte mich in einem ISS-Raumschiff, denn ich hörte fast nur noch Amerikanisch und Russisch, ein bisschen Norddeutsch und Niederländisch noch, alles Dekoriert mit dem Sächsisch der Kellnerinnen, aber kein Tirolerisch mehr. Aber mei, solche Inseln gab es soch immer schon, und wer nach einem halben Jahrundert Aufenthalt in Österreich(so wie ich) diese Orte nicht kennt und im Akutfall zu meiden lernt, ist selbst schuld. Schon zwei Kilometer weiter schaut es schon ganz anders aus. Und wenn ich mitten im Urlaub shoppen gehen will, kehre ich schon auch fallweise sogar recht gerne für ein Weilchen dorthin zurück. So eine ehemalige Dorfstraße mit ganzverglasten Geschäften und Personal in Designerkleidung hat manchmal durchaus ihre Reize. Und was man in Rottach-Egern oder Mayrhofen nicht bekommt - in München haben sie es sicher.

Über meine eigenen Worte feixend begebe ich mich jetzt zur Nachtruhe.

Liebe Grüße von (linguistisch gesehen) Ost- nach Westmittelbaiern!

Brezi

[1] Die Abkürzung GZSZ - wohl allen Deutschen zwischen 4 und 104 Jahren mehr als geläufig, ist in Österreich vielleicht nicht so bekannt, darum eine Erklärung. GZSZ heißt "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und ist eine Soap-Fortsetzungsserie, die bald so viele Folgen haben wird wie die Lindenstraße. Meine Bemerkungen über das dort verwendete Deutsch sollen nichts über die Qualität der Serie als solche aussagen.

Korrektur

Brezi 12.01.2008
Zwei Zeilen zu meinem gestrigen Beitrag. Ich war wohl schon zu müde, als ich den geschrieben habe. Daher steht er jetzt kürzer und hoffentlich auch um ein paar Passagen, die missverstanden werden und unnötig Ärger machen konnten, ärmer da. Wer ihn gestern oder heute zeitig Früh gelesen hat, kann gleich noch einmal reinschauen.

-br-




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Das österreichische Wörterbuch stellt eine Sammlung von österreichischen Wörtern dar um die Unterschiede des österreichischen Deutsch am Leben zu halten.

Derzeit sind über 1300 Wörter ins Wörterbuch aufgenommen wobei es weit mehr eingetragene Wörter gibt.

Die Ursprünge des Wörterbuches entstanden vor etwa 15 Jahren als ich von Österreich nach Deutschland gezogen bin und mehr mit hochdeutsch sprechenden Menschen zu tun hatte.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich gebräuchlichen bairischen und alemannischen Dialekte.

Das vom österreichischen Unterrichtsministerium mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche österreichische Wörterbuch dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951.

Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein wichtiger Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe anzuwenden.

Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch zahlreiche regionale Dialektformen, hier insbesondere bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark genutzt, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.