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1866 - 1945 - 1962 - (2011 ???)

Koschutnig 19.08.2011
Sollte ich nicht noch ein paar Monate warten? Dann wär's ein halbes Jahrhundert, seit DER SPIEGEL (25/1962) ironisch schrieb:

Paradeiser mit Obers

An der deutsch-österreichischen Grenze wird keine Sprachschranke niedergelassen werden.

Die Touristen aus der Bundesrepublik werden auch in diesem Jahr nicht Obers verlangen müssen, wenn sie Sahne haben wollen, und nicht Paradeiser, wenn sie Tomaten wünschen. Der deutsche Urlauber wird sich nicht im Strecksessel, sondern wie bisher im Liegestuhl sonnen, und seine Kinder werden auf der Kirmes nicht Ringelspiel, sondern Karussell fahren.

Österreichs Sprachneuerer haben jetzt ihren Feldzug gegen die "Überfremdung der österreichischen Sprache durch die deutsche" gestoppt. Wiens "Arbeiter-Zeitung", Zentralorgan der Sozialdemokraten und eifrigste Vorkämpferin einer eigenen Sprache für die Alpenrepublik, resignierte: "Lassen wir im Zillertal die Sahne fließen!"

Die Kapitulation an der Sahnefront beendete den 17 Jahre währenden Versuch, aus dem österreichischen Dialekt eine literaturwürdige Schriftsprache zu machen.

Daß man östlich des Inns eine Sprache benutzt, die nur versehentlich als deutsch bezeichnet wird, hatten einige patriotische Österreicher bei Kriegsende 1945 entdeckt. Ihre Parole: "Wir werden österreichisch sprechen und somit auch österreichisch denken."

[...]

[Der Salzburger Gstrein] ... meint, die wirklichen Fremdwörter seien gerade die deutschen Ausdrücke. "Wir sagen Auto und Radio. Kraftwagen und Rundfunk sind in Österreich fremde Begriffe."

Wer andere Vorstellungen von Sprachpflege hatte, wurde von Sprachfanatiker Gstrein als "Deutschtümler", "Wotansjünger" und "alldeutsche Wühlmaus" gebrandmarkt.

Der Schriftsteller Friedrich Torberg sekundierte dem Salzburger Gstrein: "Statt 'Obers' wird immer wieder das vermaledeite 'Sahne' gebraucht, und zwar aus Servilität vor dem deutschen Reisepublikum, aus der gleichen Servilität, die dem markbewehrten Ausländer auch mit Pfifferlingen (anstelle von Eierschwammerln) und ähnlichen Fremdenverkehrsunfällen aufwartet."

[...]

Allein: Jetzt schreckten selbst begeisterte österreichische Patrioten zurück. Vor die Alternative gestellt, zwischen der Sprache Schillers und Poldi Hubers (des Wiener Gegenstücks zu Lieschen Müller) zu wählen, plädierten sie für Schiller.

Was die "AZ" als "österreichische Umgangssprache" predige, sei bestenfalls die wienerische, schrieb ein Tiroler "AZ"-Leser. "Vertretene Schuhe nennt der Wiener verhatscht, während sie in einem südlichen Bundesland nur dann zum Schuster kommen, wenn sie vertscherfelt sind."

Die Reaktion der sozialistischen Abonnenten und die Polemiken der Bundesländer-Zeitungen wurden in den letzten Wochen so heftig, daß die "AZ" - und mit ihr die Front der Sprachneuerer - schließlich zurückwich.

[...]

Neugierig geworden? Der ganze Artikel ist da:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45140542.html

Eine Riesenwut

JoDo 20.08.2011
bekomme ich immer wieder, wenn ich solche Hervorbringungen eines vorzeitigen Geistesergusses vorgeführt bekomme.
Unabhängig davon, welcher Geist mir nun näher steht, der der Arbeiter-Zeitung oder der des Spiegels:
Eine dermaßen präpotente Haltung
- Die Sprache der Deutschen ist halt die Sprache Schillers (???) und die der Österreicher ist halt die Sprache Poldi Hubers -
eine Haltung, die das eigene Maß zum Maß aller Dinge macht,
eine Haltung, die das (Bundes)Deutsche als Hochsprache (???) und das Österreichische als Dialekt empfindet,
lässt in mir die Grausbirn´ aufsteigen.
Wann werden denn die gutmeinenden Nachbarn endlich zur Kenntnis nehmen, dass in Österreich
sowohl Dialekt
als auch Hochsprache
als auch Umgangssprache gesprochen wird!
und meistens in einem permanent schwankenden Mischungsverhältnis.
Oder so, wie die Dissertantin an der Ludwig-Maximilians-Universität München uns hier im Forum gleich ungfragter ´Liebe Dialektsprecher´ tituliert ... Nicht, dass solche hier nicht AUCH zu Hause sein sollen, aber doch nicht AUSSCHLIEßLICH!

Re: 1866 - 1945 - 1962 - (2011 ???)

wuppl 22.08.2011
wo du recht hast hast du recht, lieber JoDo

auch wenn ich MEIN maß auch des öfteren als maß aller dinge betrachte. doch das ist vermutlich menschlich

Re: 1866 - 1945 - 1962 - (2011 ???)

nicolai 05.11.2011
Das würd´ ich jetzt nicht so eng sehen, denn wer seine Interessen am Hindukusch wahren zu müßen glaubt, verschuldet ist bis über sämtliche Staatsohren und dabei sich immer noch für "den Größten" hält und glaubt, daß ihm Europa eigentlich sowieso gehört, aus eigener Unfähigkeit seine Studienwilligen und Arbeitslosen zu hunderttausenden bei seinen Nachbarn parken muß und im eigenen Land ein West-Ostlohngefälle von bis zu hundert Prozent duldet, der kann ohnehin nicht für sich beanspruchen, entscheidende Instanz zu sein; also bietet sich für den Österreicher eigentlich ohnehin nur eine Lösung an, und selbige ist natürlich österreichisch : "Goar net amoi ignorieren...".
Obwohl man dem Spiegel eines zugestehen muß : kaum ein Journal versteht es derart meisterlich, den gesamtdeutschen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem "kleinen Nachbarn", also uns, die wir als Land weitaus stabiler und besser (doch, doch, wirklich) dastehen mit volksnahem Intellektualismus zu übertünchen und vermittels derartiger Artikel wie dem obigen zumindest im Ansatz zu kurieren. Eines sei aber doch angemerkt : Bei einer Umfrage, ob der "deutsche Michel" lieber die Bildzeitung oder Goethe lesen würde, fürchte ich, daß der Herr Geheimrat seinen (Dichter)hut nehmen müßte; und immerhin wissen wir Österreicher zumindest, wer Friedrich Schiller gewesen ist - ob sich das wirklich vom Großteil der deutschen Bevölkerung (vor allem, wenn ich mir so das Sendungsangebot der diversen deutschen Kabelsender betrachte, an deren Wesen die Welt zweifellos genesen wird) sagen läßt, wage ich mittlerweile ernsthaft zu bezweifeln...




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Das österreichische Wörterbuch stellt eine Sammlung von österreichischen Wörtern dar um die Unterschiede des österreichischen Deutsch am Leben zu halten.

Derzeit sind über 1300 Wörter ins Wörterbuch aufgenommen wobei es weit mehr eingetragene Wörter gibt.

Die Ursprünge des Wörterbuches entstanden vor etwa 15 Jahren als ich von Österreich nach Deutschland gezogen bin und mehr mit hochdeutsch sprechenden Menschen zu tun hatte.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich gebräuchlichen bairischen und alemannischen Dialekte.

Das vom österreichischen Unterrichtsministerium mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche österreichische Wörterbuch dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951.

Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein wichtiger Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe anzuwenden.

Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch zahlreiche regionale Dialektformen, hier insbesondere bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark genutzt, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.