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Österreichisches Wort des Jahres 2008

JoDo 12.12.2008
Pressemitteilung

Wort des Jahres 2008 - Wahlergebnisse und Begründungen

Kontakt: Prof. Rudolf Muhr, Forschungsstelle Österreichisches Deutsch,
Institut f. Erziehungswissenschaften der Univ. Graz, Heinrichstr. 22/2,
8010 Graz. Tel. 0316-380-8176

Email: http://mailto:rudolf.muhr@uni-graz.at
Internet: http://www.oewort.at

Die Jury des österreichischen Worts des Jahres hat 2008 folgende Wörter und Aussprüche gewählt:

Zur Wahl:

An der Wahl haben ca. 5.000 Wähler teilgenommen. Sie haben im Verlauf der Vorwahl 3.040, bei der Wahl 11.970 und insgesamt also 15.010 Einsendungen vorgenommen. In den Einsendungen waren 53 einzelne Vorschläge für das Wort und 46 für das Unwort des Jahres enthalten.

Wort des Jahres 2008: Lebensmensch

Dieses Wort, das schon in der Autobiographie von Thomas Bernhard vorkommt, erlangte erneute Aktualität im Zusammenhang mit dem Verlust nahestehender Menschen und ist durch seine Grundbedeutung „der wichtigste Mensch meines Lebens“ überaus positiv besetzt. Es ist im heurigen Jahr im Zusammenhang mit
dem Ableben zweier bekannter österreichischer Politiker mit unterschiedlicher Deutung und Wertung gebraucht worden. Seine Bedeutungsambivalenz und sein hoher emotioneller Wert machen „Lebensmensch“ zum Wort des Jahres 2008.
Das Wort wurde aufgrund gegensätzlicher Verwendungsweisen von einer erheblichen Anzahl der WählerInnen auch als Unwort klassifiziert, jedoch von der überwältigenden Mehrheit der InternetwählerInnen vor allen anderen als Wort des Jahres gereiht.

2. Wort des Jahres 2008: Krocha

Hier handelt es sich um ein neues österreichisches Wort, das eine städtische Jugendbewegung bezeichnet, die im abgelaufenen Jahr stark in Erscheinung getreten ist. Ihr besonderes Kennzeichen ist hohe sprachlicher Kreativität und unangepasstes Verhalten. Sie ist die erste derartige österreichische Jugendkultur seit Jahrzehnten, die durch sprachliche Originalität gekennzeichnet ist und für die die Lebendigkeit der österreichischen Jugendkultur steht. Das macht diese Jugendbewegung interessant, aber auch zur Angriffsfläche von Personen, denen jegliche Art von Anderssein missfällt.

3. Wort des Jahres 2008: Wachteleierkoalition

Dieses ungewöhnliche Wort stammt aus dem heurigen Wahlkampf. Es wurde von einem Oppositionspolitiker verwendet, der damit die Sinnhaftigkeit der Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel in Frage stellte, die zehn Ausnahmen auf sog. Luxuslebensmittel wie Wachteleier vorsah. Es handelt sich dabei um eine originelle und ungewöhnliche Wortzusammensetzung, die ironisch auf den zweifelhaften ökonomischen Wert dieser Maßnahme aufmerksam machte.

Un-Wort des Jahres: Gewinnwarnung

Dieses Wort erlangte aufgrund der weltweiten wirtschaftlichen Schwierigkeiten große Aktualität und eine erhöhte Verwendungshäufigkeit. Darüber hinaus ist es aus sprachlicher Sicht interessant, das es scheinbar vor Gewinnen warnt, tatsächlich aber Verluste bzw. verminderte Gewinne meint. Es ist damit ein Wort, das die wahren Sachverhalte in höchstem Maße verschleiert und so sowohl in Inhalt als auch in seiner Verwendung für jene undurchsichtigen Vorgänge steht, die derzeit in der Finanz- und Bankenwelt vor sich gehen.

2. Un-Wort des Jahres: Heimatpartei

Dieses harmlos und positiv klingende Wort steht in einem österreichspezifischen Kontext, der es zu einem Unwort macht. Tatsächlich bezweckt es die Monopolisierung des Begriffs „Heimat“ durch eine bestimmte politische Gruppierung und den Ausschluss aller anderen Auffassungen von Heimat. Es stellt eine Anmaßung in Bezug auf andere politische Gruppierungen dar, da es diese zu Nicht-Heimatparteien, d.h. zu Fremdparteien macht. Es ist wohl kein Zufall, dass solche Begriffe vor allem auch von politischen Organisationen verwendet werden, die in totalitär und nationalistisch ausgerichteten Ländern tätig sind.

3. Un-Wort des Jahres 2008: Kulturdelikt

Dieser Begriff stammt von der derzeitigen Innenministerin, die im Wahlkampf 2008 erklärte, es müsse für Verbrechen wie Ehrenmord oder Zwangsheirat ein eigener Strafrechtsparagraphen geschaffen werden. Zum Unwort wird dieses Wort, weil derartige Delikte schon durch andere Paragraphen abgedeckt sind und darüber hinaus mit dem Begriff selbst die Kultur von Zuwandern symbolisch und pauschal zu einem Delikt gemacht wird.

Spruch des Jahres 2008:

Wir haben nur unsere Stärken trainiert, deswegen war das Training heute nach 15 Minuten abgeschlossen.

Hier handelt es sich um einen elegante und witzige Umschreibung bestimmter Verhältnisse im österreichischen Fussball, die in bester literarischer Tradition der österreichischen Selbstironie steht und so ein würdiger Spruch des Jahres ist.

Un-Spruch des Jahres 2008: Es reicht!

Diese Äußerung wird zum Unspruch des Jahres 2008, da er das wichtigste politische Ereignis des laufenden Jahres – die Neuwahlen – einleitete, in ihrer Endgültigkeit keine Alternativen ließ und damit das ganze Land vor vollendete Tatsachen stellte. Es signalisiert einen völligen Kommunikationsabbruch sowie die Weigerung, sich mit Sachinhalten auseinanderzusetzen, für die man eigentlich gewählt worden war.

Re: Österreichisches Wort des Jahres 2008 : LEBENSMENSCH

Koschutnig 13.12.2008
Was ist so österreichisch am Lebensmenschen?

Österreichisch:
1. Thomas Bernhard ("Heldenplatz"-Gemütserreger und "Nestbeschmutzer") gilt als Erfinder des Begriffs in dieser Bedeutung,
2. die zur Zeit meistzitierten Wort-Verwender sind die Österreicher St.P. und Ing.W.
3. die ganze Diskussion um diese Wortverwender schlägt von Österreich aus hohe Wellen
4. Hermann Muliar: "Meine Mutter war mein Lebensmensch" ("Kindheit in Österreich" S. 105)
5. Helmut Zilk bezeichnete Vizebgm. Hans Mayr als seinen Lebensmenschen http://meinungen.web.de/forum-webde/post/3120698?cc=most_discussed_0
6. Für Marcel Prawy war die Burgschauspielerin Senta Wengraf sein Lebensmensch
7. Nicht eine einzige der Personen, bei denen in der Wikipedia das Wort vorkommt, ist n i c h t aus Österreich (Sissy Kraner, Wanda Kuchlawek, Friedrich Kurrent, Thomas Bernhard, Stefan Petzner, Jörg Haider)
8. Nicht-Österreicher müssen z.B. tatsächlich bei der "Wissenscommunity LYCOS IQ" anfragen , was das eigentlich sei, ein Lebensmensch, und die einzige und unkommentiert gebliebene Antwort darauf ist: "Lebensmensch hab ich noch nie gehört, aber 'Lebemensch' gibt es und...bezeichnet jemanden, der das Leben voll genießt..."
http://iq.lycos.de/qa/show/1395210/Was-ist-ein-Lebensmensch/
9. Wahl zum österreichischen Wort des Jahres 2008
10. Der Spiegel meldet, in Österreich habe eine Jury "den ungewöhnlichen Begriff 'Lebensmensch' zum Wort des Jahres" gewählt
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,595802,00.html

Ältere Verwendungen von Lebensmensch aus Deutschland haben eine völlig andere Bedeutung:
z.B. Thomas Mann: "Geistesmensch und Lebensmensch" - 2 Menschentypen
Ricarda Huch: "Lebensmensch - Reflexionsmensch" - ebenso 2 Typen
Heine: "hier kann kein irdischer Lebensmensch mehr helfen" = lebender Mensch (der Marchese, der für die Nacht von einer Frau erwartet wird, hat irrtümlich ein starkes Abführmittel - Glaubensalz schreibt Heine - getrunken und ruft verzweifelt nach einem Arzt. Es gehe doch nicht, dass er zwölfmal von der Geliebten aufstehn müsse. Jedoch die bedrückende Auskunft: "Hier kann... ". Heinrich Heine, Reisebilder 2.Teil)

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Zu "DAHAM" - ich zitiere:
"Neuer Kommentar
Sollten Sie einen Kommentar zu diesem Wort haben oder ein Anwendungsbeispiel welches die Nutzung des Wortes gut aufzeigt, so ist das hier der richtige Platz. "
K

Re: Österreichisches Wort des Jahres 2008

9Hieb 31.12.2008
Lebensmensch....

ich find diesen Ausdruck eher atypisch für Österreich. Das hat so etwas "mechanisches", so funktionsartiges, ähnlich wie beim Bundesheer etc.
Auch wenn wir es schon so gewöhnt sind, dass es uns nicht auffällt, da stets von keinauf in Verwendung ist Frühstück (Früh-Stück) - ist eigendlich auch nicht sehr österreichisch, eigendlich vom Aufbau und der "Kreativität" der Brotzeit verwandt - sprich eine harte, lieblose (einfallslose) Zusammenfügung zweier Begriffe.

Re: Österreichisches Wort des Jahres 2008

Koschutnig 07.01.2009
ALOIS BRANDSTETTER
UNWORT IST DAS UNWORT DES JAHRZEHNTS
'Lebensmensch' ist das Wort, 'Gewinnwarnung' ist das Unwort des Jahres 2008. Aber eigentlich ist das Wort 'Unwort' selbst ein Unwort, ein sprachliches Unding. Es steht nicht im Duden, und meinem Computer ist es verdächtig. Erfreulich ist an der Wahl, dass über den Kreis der Philologen hinaus ein allgemeines Interesse am sprachlichen Ausdruck, an der Wortwahl geweckt wird...

Aus Graz wird der staunenden Öffentlichkeit verkündet: Habemus verbum! Lebensmensch! 'Lebensmensch' ist eine Wortschöpfung, ein "Augenblickskompositum" des Junggesellen Thomas Bernhard für Hede Stavianicek, seine um eine Generation ältere Gefährtin und Mentorin, aber auch für seinen Großvater Johannes Freumbichler.

Auch den Lebensmenschen kennt das Wörterbuch (noch) nicht, nur den Lebemann und die Lebedame. Ein Lebemann soll aber niemandem ein Lebensmensch sein, ein Lebenskünstler vielleicht.
'Lebensmensch' steht bei Bernhard für eine "Bezugsperson" besonderer Nähe. Im normalen oder optimalen Fall ist der Lebensmensch wohl der Ehepartenr, in der Herkunftsfamilie Mutter oder Vater.
Es entspricht dem Zeitgeist der Lebensabschnittspartner und der Patchwork-Familien, dass jeder in freier (Wort-)Wahl einen Mitmenschen zum Lebensmenschen erklären kann.

Solche Wörter kommen und gehen mit der Zeit, geht einem der Zeitgeist auch noch so sehr auf den Geist. Außerdem gilt Goethes Wort: Was sie den Geist der Zeiten nennen, ist der Herren eigner Geist! "Die Jury würdigte die Bedeutungsambivalenz und den hohen emotionellen Wert des Wortes", heißt es in der Begründung der "Fachjury".
'Ambivalenz' bedeutet laut Fremdwörter-Duden " Zwiespältigkeit, Zerrissenheit". Ist das zu würdigen? Und auch über den "emotionellen Wert", die gute alte "Gefühlsbetontheit" könnte man streiten.
Der Lebensmensch ist also angekommen, der Blutsbruder, um ein älterees Beispiel zu nennen, hat sich verabschiedet. Vielleicht bringt es der Blutsbruder oder auch der Busenfreund demnächst zu einem der "schönsten bedrohten Wörter", ähnlich wie das jüngst gewählte 'Kleinod'...

(Kleine Zeitung, 31.12.2008)

Zu Alois Brandstetter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Brandstetter




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Das österreichische Wörterbuch stellt eine Sammlung von österreichischen Wörtern dar um die Unterschiede des österreichischen Deutsch am Leben zu halten.

Derzeit sind über 1300 Wörter ins Wörterbuch aufgenommen wobei es weit mehr eingetragene Wörter gibt.

Die Ursprünge des Wörterbuches entstanden vor etwa 15 Jahren als ich von Österreich nach Deutschland gezogen bin und mehr mit hochdeutsch sprechenden Menschen zu tun hatte.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich gebräuchlichen bairischen und alemannischen Dialekte.

Das vom österreichischen Unterrichtsministerium mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche österreichische Wörterbuch dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951.

Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein wichtiger Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe anzuwenden.

Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch zahlreiche regionale Dialektformen, hier insbesondere bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark genutzt, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.