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"Österreichisches Fußball-Deutsch"

JoDo 06.06.2008
Gedanken für den Tag
02. 06. bis 06. 06. 2008, 6.57 Uhr - 7.00 Uhr
im Programm Österreich 1

von Manfred Glauninger, Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Germanistik der Universität Wien und Forscher am Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der Akademie der Wissenschaften

Musik: Ricky Martin: "La copa de la vida" von Robi Rosa, Luis Gomes Escolar und Desmond Child

Ankick

Wie fängt ein Fußballspiel an? Im Regelwerk heißt es: „Der Anstoß ist die Methode, das Spiel zu beginnen“. Anstoß? Spieler, Fans und andere Fußball-Insider gebrauchen in Österreich eher den Ausdruck Ankick – zumindest dann, wenn sie „unter sich“ sind. Dies zeigt: Nicht alle, die Deutsch sprechen und schreiben, tun dies immer und überall gleich. Im Gegenteil: Jede so genannte „natürliche“ – d. h. von Menschen gesprochene (bzw. geschriebene) und historisch gewachsene – Sprache wie eben Deutsch weist unterschiedliche Erscheinungsformen auf, die sprachwissenschaftlich als „Varietäten“ bezeichnet werden. Deren Merkmale hängen davon ab, wer mit wem wo in welcher Situation und worüber kommuniziert. So hat sich in Österreich eine eigene Varietät des Deutschen herausgebildet, die im und rund ums Fußballspiel Verwendung findet: Der österreichische Fußballerslang. Dieser steht, wie jede Sprachvarietät, permanent in Wechselwirkung mit der Gesellschaft und reflektiert dies auch. So lässt sich etwa die Wiener Dominanz innerhalb der ersten Hochblüte des österreichischen Fußballsports in den 1930er Jahren auch an der wienerisch-dialektalen Prägung des österreichischen Fußballerslangs erkennen. – Damit zurück zum Wort Ankick: Dieses beweist nicht zuletzt, wie gut Englisch und Deutsch „miteinander können“. Der englische Wortstamm kick hat sich seinerzeit nahtlos ins deutsche Sprachsystem bzw. dessen dialektalen Gebrauch durch Wiener Fußballer eingefügt, wie folgende Schlüsselbegriffe des österreichischen Fußballerslangs vor Augen führen: Kick für ‘Fußballspiel’ bzw. Kicker für ‘Fußballer’ (beides auch in Zusammensetzungen wie Alibikick/Alibikicker, Badkick/Badkicker, Schweinskick/Schweinkicker, Weltkick/Weltkicker usw.); weiters kicken für ‘Fußball spielen’ sowie die typisch wienerische Verkleinerungsform Kickerl mit Bedeutungen wie ‘kürzeres, freundschaftliches, lockeres Fußballspiel’. Damit entlarvt sich das Lamentieren vom angeblichen Verfall der deutschen Sprache unter englischem Einfluss als etwas, das man im österreichischen Fußballerslang, ebenfalls deutsch-englisch gemischt, ein Eigengoal nennt.

Ballesterer

Sprache ist untrennbar verbunden mit der menschlichen Gesellschaft und verändert sich ständig. Dies gilt auch für den österreichischen Fußballerslang. Ausdrücke, die noch vor ein, zwei Generationen für Spieler und Fans alltäglich waren, werden heutzutage kaum noch verwendet, z. B. Ballesterer ‘Fußballer’ bzw. ballestern ‘Fußball spielen’. Diese typisch wienerischen Begriffe gehen zurück auf italienisch balestro/balestra für ‘Armbrust’, später auch gebräuchlich für den Holzschläger bei diversen Ballspielen bzw. den Spieler selbst. Ein bereits ebenso „undurchsichtiger“, fußballsprachlich jedoch noch lebendiger Ausdruck ist Hösche, typisch wienerisch auch Höscherl. Damit beginnt fast jede Fußball-Trainingseinheit: Im engen Kreis stehende Kicker spielen sich den Ball zu, den ein in ihrer Mitte Agierender erwischen muss. Das Wort hösche war schon im Mittelalter mit der Bedeutung ‘Spott, Hohn’ bekannt. Ebenso alt ist der Dialektausdruck Agrasel für ‘Stachelbeere’. Auf Fußballplätzen hört man jedoch kaum mehr das Wort Agraselpartie für ‘schlechtes Fußballmatch’, bzw. eine dementsprechend agierende Mannschaft – obwohl beides für den Geschmack des Fußball-Liebhabers nach wie vor sauer ist wie der Saft von Stachelbeeren. – Es ist kein Zufall, dass Wiener Dialektwörter aus dem Fußballerslang verschwinden. Hier zeigt sich Sprachveränderung als Rückgang des Dialektgebrauchs. Dieser Prozess ist – trotz aller Bekundungen des Bedauerns – nicht zu stoppen. Fragt man Wienerinnen und Wiener, ob sie mit ihren Kindern Dialekt sprechen (bzw. gesprochen haben), bekommt man meist Antworten wie: „Natürlich nicht, das kann man doch nicht machen!“ – Und zwar von jenen, die über „Dialektschwund“ klagen. Sprachwandel hat auch paradoxe Seiten.

Bloßfüßige und G'scherte

Der Gebrauch von Sprache reflektiert immer auch Gefühle, Haltungen, Einstellungen der Sprachverwender. Dabei kommt nicht nur Wohlwollendes, bzw. Wohlklingendes zum Vorschein. Neben den im gesamten deutschen Sprachraum üblichen Kraftausdrücken kann man in Österreichs Fußballstadien auch lokalspezifische sprachliche Injurien hören. Hier handelt es sich zuweilen um recht charakteristische und aufschlussreiche Verstöße gegen die „politische Korrektheit“. Erwartungsgemäß sind etwa Mannschaften aus den österreichischen Bundesländern und deren Anhang für viele Wiener Kicker und ihre Fans grundsätzlich und ohne Differenzierung ganz einfach die G'scherten. Bedenklicher ist es freilich, wenn Spieler aus Entwicklungsländern bzw. dunkelhäutige Spieler per se als Bloßfüßige gelten. Und dass schließlich der so genannte Spitz, also der relativ unkontrollierte (und deshalb schlechte) Schuss mit der Fußspitze, nach wie vor bedenkenlos auch Jud' oder Isaak genannt wird, stellt ein schweres sprachliches „Foul“ dar. – Bei allem, was im Fußball an rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Gewalt verbaler (und auch physischer) Art zu beobachten ist: Man darf auf der anderen Seite nie das Positive aus den Augen verlieren – zum Beispiel das hohe Integrationspotenzial, das der Fußball hinsichtlich sozial deklassierter Jugendlicher mit Migrationshintergrund aufweist. Ein diesbezüglicher Blick auf die Zusammensetzung der Fußball-Nationalmannschaften vieler europäischer Länder – allen voran Holland oder Frankreich – sagt mehr aus als so manche demographische Statistik.

Vom Bierdeckel-Radius und dem Spielen für die Galerie

Die österreichische Fußballersprache hat aus dem Wiener Dialekt auch manches übernommen, was diesen abseits charakteristischer Lautgebung oder typischer Satzbau-Merkmale auszeichnet: Ironie, Sarkasmus und schwarzen Humor. Entscheidend ist dabei die bildhafte Ausdrucksweise. Agiert etwa ein Kicker auf dem Rasen allzu behäbig und statisch, wird ihm attestiert, er habe einen Radius wie ein Bierdeckel. Um einen Elfmeterschützen vor dem entscheidenden Schuss mürbe zu machen, ruft ihm der Goalie zu: Den fang’e mit’n Kappl ausse! – Natürlich auch dann, wenn er ohne Kappe spielt. Zelebriert ein Kicker auf dem Spielfeld effekthascherisch und theatralisch seine ansonsten ineffektive Fußballkunst, dann agiert er für die Galerie. Allerdings meint die Galerie im Wienerischen auch die Unterwelt, und man erkennt somit die tiefere Bedeutungsdimension dieser Wendung. Seit jeher dürften sich im sozialen „Biotop“ Fußball auch so manche getummelt haben, die nicht gerade für Seriosität bürgen. – Von den Schattenseiten des Fußballs zurück zu seinen Lichtgestalten: Dass Ernst Happel eine solche war, steht außer Frage. Er, der typische Wiener Grantler mit Herz und Fußballtrainer mit Wöödmasta-Status, griff für taktische Anweisungen gern auf ebenso Bewährtes wie Einprägsames zurück: Floch schbüün, hooch g’winna! – Bei einer weiteren schillernden Größe des österreichischen Fußballs, August Starek vulgo Schwarzer Gustl, hat das freilich anders geklungen: Wann’s ned kicken könnt’s, haut’s eine! Dass er sich damit medial und beim Publikum ziemlich angeschüttet hat, steht auf einem anderen Blatt.

Gehen, drübersteigen und abstauben

Die Fußballersprache besitzt eine Fachterminologie mit zahlreichen Wörtern und Wendungen, die nur „Experten“ verständlich sind. Dazu kommt eine Reihe von alltagssprachlichen Bezeichnungen, die spezielle Bedeutungen angenommen haben. Ein anschauliches Beispiel für Letzteres sind Wörter wie gehen, kommen oder stehen. Die Traineranweisung „Geh!“ etwa ist keine Aufforderung, das Spielfeld zu verlassen oder den Laufschritt auf Spaziergeher-Tempo zu drosseln. Gefordert wird vielmehr der direkte, schnelle Vorstoß in Richtung Tor. Andererseits lässt man den Gegner erst einmal kommen (das heißt ‘angreifen, offensiv spielen’), wenn die eigene Mannschaft gut steht (‘positionsmäßig richtig aufgestellt und gut organisiert’ ist). – Nun aber zu den echten Fachbegriffen der Fußballersprache. Unter einem Drübersteiger kann man sich wohl noch annähernd etwas vorstellen: Anstatt, wie angedeutet, über den Ball zu steigen, spielt der Kicker diesen weiter. Bei der Bezeichnung Eisenbahner hingegen dürfte es für Außenstehende schon schwer sein, mehr als „Bahnhof“ zu verstehen. Gemeint ist hier eine perfekte Körpertäuschung, mit der man den Gegenspieler auf den „falschen Fuß“ (und somit im übertragenen Sinn wohl: aufs falsche „Geleise“) stellt, um ihn blitzschnell überspielen zu können. – Wenn dann schließlich ein Kicker seinem Gegenspieler ein Gurkerl gibt, wird diesem der Ball zwischen den Beinen durchgespielt. Jeder Tormann wiederum fürchtet eine Banane, d. h. eine Flanke, die mit so viel tückischem Effet geschlagen worden ist, dass der Ball in der Luft eine – schwer berechenbare – gekrümmte Flugbahn beschreibt und zuweilen sogar im Tor landet. Meistens freilich erst dann, wenn er einem Spieler direkt vor die Beine fällt – und dieser nur noch abstauben (den Ball ohne Mühe und besondere Eigenleistung ins Tor drücken) muss. Dass dies dem Renommee eines Knipsers (eines besonders erfolgreichen Torschützen, Goalgetters) nicht abträglich ist, zeigt einmal mehr, dass im Fußball dasselbe gilt wie im Leben allgemein: der (End-)Zweck heiligt – fast – alle Mittel.

http://religion.orf.at/projekt03/tvradio/ra_gedanken/ra_ged080602_glauninger_fr.htm

Ich nehme Anstoss am 'Ankick'

System 28.07.2008
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Wie fängt ein Fußballspiel an? Im Regelwerk heißt es: „Der Anstoß ist die Methode, das Spiel zu beginnen“. Anstoß? Spieler, Fans und andere Fußball-Insider gebrauchen in Österreich eher den Ausdruck Ankick – zumindest dann, wenn sie „unter sich“ sind. Dies zeigt: Nicht alle, die Deutsch

http://religion.orf.at/projekt03/tvradio/ra_gedanken/ra_ged080602_glauninger_fr.htm
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Standarddeutsch:

der Anstoss (at, ch, de)
der Anstosskreis (at, ch, de)
der Anstosspunkt (at, ch, de)

http://www.ooenet.at/ooesk/regeln.pdf


Umgangssprache:

der Ankick (de) = der Anstoß im Fußballspiel

http://oewb.retti.info/oewb-public/show.cgi?lexnr=Wov6yGu/a7/Ou0U\aa2jpSSdPd080Css1jVo00H2KZoeB\l4ZHvAtA==&pgm_stat=show

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Das österreichische Wörterbuch stellt eine Sammlung von österreichischen Wörtern dar um die Unterschiede des österreichischen Deutsch am Leben zu halten.

Derzeit sind über 1300 Wörter ins Wörterbuch aufgenommen wobei es weit mehr eingetragene Wörter gibt.

Die Ursprünge des Wörterbuches entstanden vor etwa 15 Jahren als ich von Österreich nach Deutschland gezogen bin und mehr mit hochdeutsch sprechenden Menschen zu tun hatte.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich gebräuchlichen bairischen und alemannischen Dialekte.

Das vom österreichischen Unterrichtsministerium mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche österreichische Wörterbuch dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951.

Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein wichtiger Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe anzuwenden.

Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch zahlreiche regionale Dialektformen, hier insbesondere bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark genutzt, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.