Die Formulierung... [ von anachoret am 2010-02-17 14:59:59 ]
stammt aus einem 1914 verfassten Gedicht von Anton Wildgans (1881–1932) und hat eine gewisse Karriere auf dem Gebiet der österreichischen Identitätsfindung gemacht.
Möglich, dass Wildgans dem geflügelten Wort von den Deutschen als "Volk der Dichter und Denker",
das Wolfgang Menzel 1836 prägte, etwas Ähnliches an die Seite stellen wollte.
"Das große Händefalten
Ein Gebet für Österreichs Volk und Kämpfer (August 1914)
Gewaltiger, dem alle sich befehlen
Und der auch unsrer Feinde Beten wägt,
Ein einzelner für Millionen Seelen,
Versuch´ ich mich in Worten, schwer geprägt.
Und bin nicht mehr der abgewandte Dichter,
Der eigener und fremder Wehmut pflag,
Nein, eines Volkes Anwalt vor dem Richter,
Steh´ ich vor dir an diesem Jüngsten Tag.
(...)
Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger
Die große Stunde der Geschichte wies,
Stand dieses
Volk der Tänzer und der Geiger
Wie Gottes Engel vor dem Paradies.
Und hat mit rotem Blut und blanken Waffen,
Zum Trotze aller Frevel, Gier und List,
Sich immer wieder dieses Land erschaffen,
Das ihm der Inbegriff der Erde ist.
Erwäge dies in deinem dunklen Walten,
Unendlicher, der Schmach und Sieg verleiht!
Denn unser großes stummes Händefalten
Ist nur gerichtet auf Gerechtigkeit."
Quelle: Anton Wildgans: Gedichte. Kreymayr & Scheriau, Wien (1957), S.181
Karl Kraus geißelt es, die Funktion dieses gefälligen Spiegelbildes in Worten vorausahnend, in einer falsch zitierten Variante:
"Hatte doch Wildgans in flammender Begeisterung »zur« Heimat seinerzeit sogar ein Kriegsgebet verrichtet »in dem schweren aufgezwungenen Streite« – sind wir doch umgerungen von lauter Feinden, wie einst ein Möbelpacker mir zurief –, das ihm die Reichspost nicht vergessen wird und kann. Er habe hier »eine der prächtigsten Schöpfungen der Kriegslyrik gegeben« – die schon als Ganzes eine der prächtigsten Schöpfungen ist – »und von der Schönheit dieser Verse mögen die nachstehenden Zeilen künden:«
Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger
Des Schicksals große Stunde wies,
Stand
dies Volk der Tänzer und der Geiger
Wie Gottes Engel vor dem Paradies.
Wenn die Reichspost richtig zitiert (und es nicht korrekter »dieses Volk« oder »Da stand dies Volk« heißt), so ist es,
von der widerlichen Metamorphose von d´ Geigerbuam in d´ Cherubim abgesehen, eine der leersten, außen und innen falschesten Strophen, die je geschrieben und in der bei einer Staatsmännern wie Lyrikern gleich verfügbaren Fülle von Schicksal und Geschick nicht einmal dieses vorhanden ist. Wie die Grille singt und die Parze springt, der geborene vaterländische Dichter."
Quelle:Karl Kraus. Mödling und Wien. in: K.K. Grimassen - Aufsätze 1914-1925
Das hält manchen Nachkriegsösterreicher, der jetzt lieber Gras über die blutgetränkte Erde wachsen lassen will und über Nacht beinahe auf peinliche Unterscheidung vom "Volk der Richter und Henker" (so Karl Kraus schon 1908) bedacht ist, nicht davon ab, sich und die Seinen darin wiederzuerkennen - nun aber losgelöst vom übrigen Text, ganz auf den "musischen" Charakter reduziert, der "Kriegsgegner" ist jetzt bestenfalls die Kulturindustrie:
"Abg. STANGLER:...Durch die moderne Unterhaltungsindustrie sind wir bereits zu der
Entwicklung gekommen, daß es den Menschen durch das Radio, das Fernsehen, das
Kino, die Musikautomaten schon sehr leicht
gemacht ist — man braucht nur irgendwo
einen Eintritt zu bezahlen oder einen Schilling in einen Automaten einzuwerfen —, um
sich mit Kultur berieseln zu lassen. Wenn
diese Entwicklung nicht durch die menschliche Persönlichkeit und den Wunsch und die
Sehnsucht des Menschen nach gültigen Werten abgewehrt würde, wäre es um
unser
Volk der Tänzer und der Geiger schlecht bestellt. Was würde aus unserer Jugend werden, wenn wir nur noch ein Land mit „Kulturautomaten" wären."
Quelle: Stenographisches Protokoll
9. Sitzung der III. Session der VI. Wahlperiode
des Landtages von Niederösterreich.
,20. Dezember 1956 http://www.landtag-noe.at/service/politik/landtag/sitzungen/06-gpw/1956-57/09-si.pdf
Dass Tanzen eine gewissermaßen österreichische
Konfliktverarbeitungsstrategie darstellt, gilt wenigstens seit dem Wiener Kongreß. "Der Kongreß tanzt..." ist dabei nur die eine Hälfte des bekannten Zitats von Charles Joseph Fürst von Ligne, die andere lautet: "...aber er kommt nicht weiter."
(Le congrès danse beaucoup, mais il ne marche pas).
Alles dreht sich auf der Stelle - Franz Antel wird unter anderen zum "Kinematochoreographen" dieser nostalgischen Epoche tänzerischer Unschuld: 1953 Kaiserwalzer, 1955 Der Kongreß tanzt (eine Aneignung qua Remake eines UFA-Films aus den 30ern), 1956 Kaiserball...
"Besonders nach dem zweiten Weltkrieg wurden die
Auslandsreisen der Wiener Philharmoniker als "propagandistischer Erfolg für Österreich"
gewertet, wo sie als "Stellvertreter Österreichs", als "Repräsentanten des
Musiklandes Österreich" fungierten (so wie die Wiener Sängerknaben als "singende
Botschafter"...). Zusammen mit dem "Philharmonikerball" konnte dadurch das Bild
Österreichs als
"Volk der Tänzer und Geiger" nachdrücklich bekräftigt werden. Als
besonders nährend für den "Kulturboden Österreich" ist natürlich noch die Wiener
Staatsoper zu nennen, der Wien mit der "Premiere des Jahrhunderts" (1955) immerhin
seine "musikalische Krönung" verdankt."
Quelle: DOKUMENTE DES MUSIKLEBENS.
Aus dem Archiv des Instituts für Musikgeschichte
Sonderband Februar 1995. S.6., www.musikgeschichte.at/regesten/Regesten-1995-s.pdf
Ein halbes Jahrzehnt später, "Der Herr Karl" erregt gerade die Gemüter, kann man in einem fingierten Leserbrief eines "hohen Funktionärs der AUA" an die Herren Merz/Qualtinger lesen:
"Schauen Sie, gegen
einen guten Witz hab i ja nix…a Hetz oder a Remasuri…aber wenn so was
gemacht wird, wie Sie es gemacht haben – da verliere ich den Humor. Es war,
darf ich Ihnen das sagen, eine Frechheit. Sie haben mich treffen wollen, obwohl
ich Ihnen nie etwas getan hab. Und wen haben Sie getroffen?
Das Volk der
Tänzer und Geiger! Was unsere Fußballer in mühseliger Beinarbeit gutgemacht
haben, das haben Sie im Fernsehen mit einem Schlag zunichte gemacht…"
Quelle: Zitiert in Sabine Krangler: Helmut Qualtinger oder: die Demaskierung einer Volksseele. Diplomarbeit, Wien 2006. S.180
Beinarbeiter auf Parkett und Rasen.
Es wird also aufgegeigt, jedoch spielt man, wie bei der Suche nach dem Eigenen festgestellt wird, mitunter nach falschen Noten. Eine Urtextausgabe muss her:
"Doch nie wurde nach authentischen Noten musiziert. Denn die Original-Partitur des Donauwalzers ist ebenso verschwunden wie die meisten anderen Strauß-Handschriften -- das Tonbild des Komponisten ist mithin stark retuschiert.
Diesem für
das Volk der Tänzer und Geiger beschämenden Zustand(so der Musikwissenschaftler Otto Erich Deutsch) will jetzt die Wiener Johann-Strauß-Gesellschaft mit einer verläßlichen Gesamtausgabe ein Ende machen"
Quelle: Gemeine Dudelei,
04.09.1967, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46369461.html
Diese Neubesinnung fordert ihre Opfer, 1977 ätzt die deutsche "Computerwoche" über den
"4. Europäischen Mikrofilm-Kongreß im Lüsterglanz der Wiener Hofburg:(...)
Die Eröffnungsreden vermieden es peinlich, auf den Markt einzugehen und selbst das Hauptreferat von Professor Robert Jungk pendelte metaphysisch zwischen "Informationsflut oder Informationsarmut". (...)Gesamteindruck: Für den älplerischen Mikrofilm-Nullpunkt ist das Rad der Technik noch einmal zurückgedreht worden.Die Streichquartette, die die Eröffnungszeremonie, mit Österreichs Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger im Mittelpunkt, garnierten, haben auch nur den Eindruck verstärkt, daß das
Volk der Tänzer und der Geiger eher große Bälle ausrichten kann, als Kulisse für tierisch ernste Fachkongresse zu liefern."
Quelle: http://www.computerwoche.de/heftarchiv/1977/48/1200226/
Subtext: der "große Nachbar" ist auf den Leim gegangen, die Trennung vollzogen, das Selbstbild wenigstens negativ anerkannt.
An der Schwelle zum neuen Jahrhundert wird diese hart erarbeitete Selbstdarstellung zunehmend als Last empfunden und schließlich glatt zur
mehr oder minder unverschuldeten Fremdwahrnehmung erklärt - der Plan fürs zeitgemäße Image: heimische Technologie preisen, Adalbert Stifters Büste aus Walhalla entfernen, und auch zu Adolf Hitlers "ureigentlichem Nährboden" hat man so seine Ideen - auf der Seite des
Außenministeriums liest man:
"Außenministerin Ferrero-Waldner bei der Auslandskulturtagung 2000: "Wir wollen unsere Geschichten erzählen.(...)
Als kleiner Staat ist es nicht einfach, das Bild des eigenen Staates überwiegend selbst erzählen zu dürfen. Österreich hat Spitzenleistungen in innovativen technischen Bereichen aufzuweisen, im Bild des Auslandes sind wir immer noch
das Volk der Tänzer und Geiger.
Österreichische Schriftsteller werden in deutschen Museen und in Goethe-Instituten rasch zu deutschen Geistesgrößen. Von Hitler weiß man international eher, daß er in Wien großgeworden war, als daß er im damaligen Österreich keine Chance auf eine Umsetzung seiner politischen Ideen gesehen hat."
Quelle:http://www.bmeia.gv.at/aussenministerium/aussenpolitik/auslandskultur/aussendungen-reden/2000/aussenministerin-ferrero-waldner-bei-der-auslandskulturtagung-2000-wir-wollen-unsere-geschichten-erzaehlen-der-beitrag-der-kultur-zum-oesterreichbild.html
Irgendwie unglaublich. Aber so steht es geschrieben. Der Abschied von der Kulturnation und dem Musikland Österreich (eigentlich auch einen Eintrag wert), die Hinwendung zu Naturwissenschaften und Forschung fällt nicht so leicht:
"Wie steinig der Weg Österreichs im Bereich Bildung und Forschung an die viel beschworene "Weltspitze" ist, zeigt symptomatisch das Verhalten der heimischen Sponsoren: Nur fünf Prozent ihrer Mittel fließen in die Wissenschaft (inklusive Umweltschutz !); das Gros privaten Fördergelder lukrieren der Sport (30 %), Sozialprojekte (29 %) und die Kunst (22 %). Wir lernen: Das
Volk der Tänzer und Geiger bekennt sich zwar gerne zur Wissenschaft, tut aber kaum was dafür. - Lippenbekenntnisse als weltmännische Tünche für die österreichische Provinzseele?"
Quelle: Redaktioneller Artikel vom 16. Juli 2003, http://derstandard.at/1355917
Gegen diesen neuen Kurs, sofern er eine einseitige Ausrichtung hat wie ehedem, regt sich Widerstand sogar aus den Reihen der Wissenschaft:
"...„Allein,
das Volk der Tänzer und Geiger klammert sich an seine Rolle als lebendes Museum der Gesellschaft des 19.Jahrhunderts“, bedauert Kurt Kotrschal. Doch geigen und tanzen zu lernen ist wertvoller, als eindimensional auf eine sogenannte „Leitwissenschaft“ fixiert zu werden. Weniger Biologiestunden in der Schule zugunsten von mehr Unterricht in Musik – ich hätte nichts dagegen."
Quelle: Rudolf Taschners Breitseite gegen "Eine Art Fundamentalismus: Dogmen, als Wissenschaft verbrämt, haben in der Schule nichts zu suchen.",23.10.2008,
http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/rudolftaschner/424598/index.do